 |
forum.arsactu.com Das Forum zur Theaterplattform
|
| Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen |
| Autor |
Nachricht |
Ambrosius
Anmeldedatum: 21.10.2005 Beiträge: 116 Wohnort: Wien
|
Verfasst am: Do Mai 25, 2006 12:19 pm Titel: Keiner hört auf Harvey - Im Obdachlosenheim |
|
|
Aus dem Schreiben der Leiterin des Heimes in der Gänsbachergasse, 1030 Wien:
(cit.)"... Die KollegInnen teilen mit, dass das Theaterstück allgemein als sehr gut und authentisch eingeschätzt wurde, die anschliessende Diskussion kurzfristig manche BewohnerInnen aufrüttelte und mobilisierte. Es gab vermehrte Anfragen wegen Wohnungen, leider ist es bisher bei den Anfragen geblieben ...
Anmerken möchte ich, dass sich selten im Haus die Möglichkeit einer so offenen Diskussion zwischen BewohnerInnen und MitarbeiterInnen ergibt.
Die Sozialarbeiterinnen meinen, dass einerseits die Erwartungen an sie zu hoch gestellt werden, andererseits teilen uns BewohnerInnen oft das mit, was sie glauben dass wir hören möchten. Oft wird es so sein, dass Männer sich einfach nur eine Partnerin wünschen, alles andere ist vorerst gar nicht so wichtig?
Es wurden mehrere Tabus angesprochen. Wir denken, dass das Thema Gewalt unter Männern tabuisiert wird. Männer sprechen nicht über ihre Gewalterfahrungen. Da das Thema tabu ist, haben wir das Thema zu wenig beachtet, wir werden das angehen.
Von den BewohnerInnen bekam Herr Robert Ritter die größte Bewunderung für seine schauspielerische Leistung. "Wie man stocknüchtern so gut eine Giftlerrolle spielen kann..."
Sie, Herr Wagner bekamen Bewunderung für die Umsetzung des Themas (es ist genauso auf der Gruppe wie es dargestellt wird - was immer das auch bedeutet). Sie werden jedoch nicht als typischer Obdachloser gesehen, was Sie vermutlich auch heute nicht erstaunt. In der Diskussion konnten die BewohnerInnen reflektieren, ihre eigene Geschichte und eigene Empfindungen von den Ihrigen unterscheiden.
Es ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der aber noch nicht abgeschlossen ist. Wir sind überzeugt, dass es richtig gewesen ist, uns für das Stück zu entscheiden
Abschließend möchte ich mich noch einmal Ihnen, Frau Mahrhauser und dem Ensemble danken, dass Sie den Mut hatten, das Stück bei uns im Haus zu spielen und ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Vorhaben im gesamten deutschsprachigem Raum das Stück zu spielen, realisieren können." _________________ Eberhard Wagner |
|
| Nach oben |
|
 |
admin Site Admin

Anmeldedatum: 13.08.2005 Beiträge: 56
|
Verfasst am: Di Mai 30, 2006 10:42 am Titel: Das wohl größte Kompliment |
|
|
"Genau so ist es" - Es ist das wohl größte Kompliment an ARS ACTU, das auch von allen zu hören war, die Obdachlosigkeit aus eigener Anschauung kennen. Und die nicht aus Befangenheit oder schlechtem Gewissen meist vorherrschende (sentimentale) Interpretationen bevorzugen. Mit denen sich das Thema nämlich tatsächlich leicht wegschieben, oder gar auf "Spenden" abwälzen läßt.
Das Thema IST komplex. Und wenn auch stimmt, daß hinter allen Betroffenen Schicksale stehen, so sagen Sozialarbeiter selbst, daß das letzte, das diese Menschen brauchen könne, "Mitleid" wäre. Die Arbeit der Sozialarbeiter ist nicht, diesen Zustand - der von allen Betroffenen (richtig) als unerträglicher "Nicht-Stand" angesehen wird - so angenehm wir möglich zu machen, sondern den Einzelnen zu helfen, wieder aufzustehen. Wieder Mut und Kraft zu haben, es "noch einmal" anzugehen.
Auch ARS ACTU geht es nicht darum, wie heute immer mehr Theaterschaffende "soziale Gutheit" zu demonstrieren. In dem Stück wird beinharte Realität aufgezeigt. Und aufgezeigt, daß es keine Lage gibt, die von Eigenverantwortung, Zwischenmenschlichkeit und Gewissen absentiert. Und das scheint gelungen zu sein. In "Keiner hört auf Harvey" haben sich nicht nur die Betroffenen selbst wiedererkannt, sondern auch die Sozialarbeiter manch neue Aspekte entdeckt.
Übrigens, ein Hinweis: KEIN Stück Literatur - es sei denn es ist als autobiographisch deklariert - ist "pure" Autobiographie. Wer etwas schaffen will will es eben schaffen, nicht "plump nachbilden." Dazu braucht es Abstraktion, und setzt Verarbeitung einerseits bereits voraus. Insofern ist alles, was man schafft, auf eine Weise im Hervorbringer selbst verankert, gewiß. Aber im Schaffen selbst wird das Abstraktum "freigelassen" und beginnt sein Mögliches zu verwirklichen, zu aktualisieren ... und kann dann sogar völlig anders "enden" als in einem zugrundeliegenden faktischen Erlebnis.
Doderer wurde einmal gefragt, wie es gehe, daß er soviele Figuren (und wer Doderer kennt weiß, daß seine Werke ein wahres Panoptikum an Menschen bieten) erfinde. Doderer meinte darauf: "Ich erfinde überhaupt keine Figuren, ich bin ja nicht der Liebe Gott!" Er nimmt sie ... aus dem Leben. |
|
| Nach oben |
|
 |
Ambrosius
Anmeldedatum: 21.10.2005 Beiträge: 116 Wohnort: Wien
|
Verfasst am: Di Mai 30, 2006 3:02 pm Titel: Wahrer als die Wirklichkeit ... |
|
|
Kunst kann wahrer sein als die Wirklichkeit. Denn in der Geschlossenheit eines Werks führen sich Möglichkeiten in die Gestalt, die die Realität oft vorenthält. Kunst kann somit etwas zeigen, das unter der Decke des Faktischen schwelt, Bezugspunkt für Konflikte gibt, den die Realität aus verschiedensten Gründen vorenthält.
Ein konkretes Beispiel aus dem Stück "Keiner hört aus Harvey": Sämtliche Stückfiguren haben natürlich konkrete Vorlagen, wenn auch aus verschiedenen Situationen und realen Personen herausgepickt. In der Vorstellungswelt, die zum Schreiben vorhanden war (man be-schreibt ja, folgt letztlich den Figuren, die vor dem geistigen Auge stehen) wurden sie freigelassen. Die Feder folgte ihren Bewegungen.
Das brachte das Ergebnis, daß manche im Stück vermeintlich frei erfundene Umstände und Handlungen "prophetisch" vorausnahmen, was in der Realität tatsächlich passierte - ohne daß der Autor es aber wußte.
Wenn die Besucher also "glaubten", für wahr hielten, was sie sahen - es so sehr glaubten, daß sie nicht anders konnten als anzunehmen, daß manches genauso passiert war - so ist das auf die Freiheit dieser Figuren in den ihnen zugestandenen (geahnten, unbewußten, gesehenen ...) "Möglichkeiten" zurückzuführen, die sie (im Abstakten) wiedererkannten. Das gilt für die literarische Vorlage genauso wie es auf die Bühnenleistung und den Faktoren, die sie zuwegebrachten (bis zum Licht, der Regie etc.) zutrifft.
Das Mögliche hinter dem Faktischen zu sehen und ihm alle Freiheit zu lassen, actu (tätig-sichtbar in der Gestalt) zu werden - das ist wahrscheinlich die größte Leistung deren die Kunst fähig ist. Und die jeden Kunstschaffenden selbst genug überrascht.
Diese Chance aber hat das (meist gar nicht bewußte) Mögliche nur dann, wenn der Ort, in dem es sich entfaltet, es sich völlig absichtslos entfalten läßt. Dieser Ort ist der Künstler. Er darf nichts vom Betrachteten wollen, und zum allerwenigsten darf er ein guter Mensch sein wollen, der da Dargestellte so festhält, wie es vielleicht sein sollte.
Damit aber hat Kunst dem Betrachter, Theater dem Zuschauer, wirklich wieder etwas zu bieten. _________________ Eberhard Wagner |
|
| Nach oben |
|
 |
|
|
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
|
Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group Deutsche Übersetzung von phpBB.de
|