Uraufführungen
Zwei bewegende und berührende Kurzstücke über "Outcasts" unserer Gesellschaft jenseits von Sozialromantik und Melodramatik in der Inszenierung von Michaela H. Mahrhauser und Eberhard Wagner
"Es gibt kein Verstehen mehr, nur Lüge, die alles verdrehen will - das ist Hölle."
(Harvey in KEINER HÖRT AUF HARVEY)
Die Stücke - in denen der österreichische Autor Eberhard Wagner bewegte eigene Lebenskapitel aufgreift - öffnen für die Zuseher auf ungewohnte Weise Tore in Welten , die den meisten fremd sind, ja von deren Existenz der per Sozialnetz Abgesicherte nicht einmal ahnt.
Mit Tempo, Witz und viel Humor erzählen die beiden Kurzstücke an einem Abend zu sehen sind, von Extremsituation des menschlichen Lebens: vom Leben in einem Obdachlosenheim und von Bauschwerstarbeit in der Schattenwirtschaft. Ohne auf die Mitleidsdrüse zu drücken oder "Opferrollen" zu stärken, werden schwierige Lebenslagen in den Kontext individueller Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit gestellt. Hoffnung und der Glaube an die unverlierbare Würde werden zum Prinzip des Überlebens, nicht der Ruf nach mehr Staat.
Geschrieben Anfang 2004 sind sie einer Entwicklung voraus, die nun erst beginnt, verstärkt in die Sozialpolitik hinein zu wirken: Am 05.09.2005 z. B. wurde das "neunerHaus" in Döbling (Wien) eröffnet, ein neuartiges Wohnprojekt für Männer in akuter Wohnungsnot. Im Unterschied zu klassischen Obdachlosenheimen wird hier nur kurzfristig Unterkunft sowie "Hilfe zur Selbsthilfe" geboten. Genau hier setzen die beiden Kurzstücke durch den Appell an individuelle Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit an; genau dort wo Hoffnung und Glaube an die eigene Würde ausschlaggebend wie nie werden.
KEINER HÖRT AUF HARVEY und WER GEWINNT erteilen keine Belehrungen, sondern stellen kritische Fragen und bereichert den öffentlichen Diskurs durch Aspekte, die jenseits der "sozialromantischen" Stärkung einer "Opferrolle" liegen.
Zu den stücken
Keiner hört auf Harvey
Vier Männer in der "Endstation" Obdachlosenheim, die mit dem "Leben draußen" abgeschlossen haben. In dieser sinnentleerten "Separatwelt" ohne Perspektive verschieben sich menschliche Maßstäbe auf irrationale Weise. Als Hoffnung - verkörpert durch die Figur Harveys - beginnt, diese eigengesetzliche Welt aufzubrechen, in dem sie sich gegen diese Endgültigkeit "stemmt" und andere damit "infiziert", zeigt sich ein Spektrum menschlicher Abgründe, das über alle Schicksalhaftigkeit hinausgeht und dramatisch endet.
Wer gewinnt
Vier Männer auf Montage in Deutschland, die bei Schwarzarbeit körperlicher Schwerstbelastung ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund entrollen sich menschliche Schwächen, die in einem grotesken Spiel um eine Frau ihren Höhepunkt finden. Doch der Sieger erlebt eine Überraschung, denn der Siegespreis birgt einen tödlichen Keim in sich.
hoffnung als überlebensstrategie
Beide Stücke appellieren an die menschliche Größe sowie an die individuelle Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit.
Obdachlosigkeit bzw. Heimatlosigkeit wird nicht als unveränderbares Schicksal gezeichnet, das nur Mitleid verdient oder ganz einfach mit Geld abzuwenden wäre. Der Betroffene wird nicht pauschal als Opfer definiert - auch wenn es im Einzelfall schwere Schicksalsschläge geben mag.
Das Problem der Ursache für schwierige Lebenslagen ist nicht das Ende, und der Appell an Hilfe nicht einziger Lösungsansatz. Schon gar nicht wird Obdachlosigkeit als Faszinosum gesehen, an dem sich Sozialromantik beweisen kann.